
ES_0116
Mühle Lützelflüh – die ersten 150 Jahre
Vorname/Name
Monika Gfeller
Jahrgang
1973
PLZ/Ort
3432 Lützelflüh
Kurzbeschrieb
Die Mühle Lützelflüh wurde 1821 von Ulrich Bärtschi erbaut und blieb über 100 Jahre im Besitz der Familie Bärtschi. Nach der Betriebseinstellung 1970 kaufte die Gemeinde Lützelflüh die Anlage. Wenig später übernahm Jolanda Rodio die historische Mühle und leitete ihre Sanierung ein.
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Text
Die ersten 150 Jahre
1821 wird in Lützelflüh am Mühlebach an der Mühlegasse eine der schönsten Mühlen im Emmental gebaut. Sie wird auf dem Areal einer bereits bestehenden Anlage errichtet. Bauherr ist der Müller und Grossgrundbesitzer Ulrich Bärtschi. Er verfügt über ausgedehnte Ländereien, über «Erdreich», wie die alten Urkunden vermerken, über Wald und Alpbesitz, über Liegenschaften und selbstverständlich über einen grossen Bestand an flüssigen Geldmitteln. Einiges ist ihm durch Erbschaft zugefallen, anderes hat er durch Kauf erworben, sicher aber sind es auch die unternehmerischen Fähigkeiten, die ihn zu einem solch imposanten Bauwerk motiviert haben. Die neue Anlage übertrifft alle bestehenden Mühlen am gleichen Mühlebach – und es gibt viele davon – an Grösse und Stattlichkeit. Sie dokumentiert den Reichtum und die Geschäftstüchtigkeit des Besitzers.
Ulrich Bärtschi ist mit Verena Bärtschi verheiratet. Verena, ebenfalls eine Bärtschi, stammt vom «Kleinen Bifang», dem heutigen Bifängli. Die beiden haben vier Söhne: Hans Ulrich, Michael, Ulrich und Jakob. Letzterer wird 1837 als Erbe eingesetzt. Damit wird die erste der insgesamt sechs Handänderungen der Mühlebesitzung vollzogen. Der Erbe erhält ein imposantes Imperium. Das Erbteilungs-Dokument enthält ein lebenslanges Wohnrecht der Eltern. Ihnen wird nebst einer «ruhigen Stube» und genügend Holz, u.a. eine Kuh und die Milch, jährlich ein fettes Schwein von 200 Pfund, ein Käs von 60 Pfund und 30 Pfund Anken zugestanden.
Der neue Besitzer Jakob Bärtschi und dessen Frau Anna Maria Bärtschi – Brüggemann haben einen einzigen Sohn, der ebenfalls den Namen Jakob trägt. Nach dem Tod seines Vaters kommt es 1873 zur erneuten Erbteilung, indem die Witwe ihrem Sohn Jakob das Mühle-Imperium übergibt. Die Liegenschaften haben in der Zwischenzeit Zuwachs durch den 1851 erfolgten Bau des Mühlestöckli erhalten.
1831 tritt Albert Bitzius (Jeremias Gotthelf) sein Amt als Vikar an und wird ein Jahr darauf zum Pfarrer von Lützelflüh gewählt. Über das Verhältnis des Pfarrers und Schriftstellers ist wenige bekannt. Der streitbare Pfarrer nimmt in seinen Erzählungen die Müller jedoch oft aufs Korn.
Die Mühle bleibt weitere 50 Jahren im Besitz der Familie Bärtschi. 1930 kommt es durch einen Erbgang der Erbengemeinschaft zu grossen Veränderungen, nachdem mehrere Generationen Bärtschi die Geschicke der Mühle über ein Jahrhundert geprägt haben. Hans Leuenberger übernimmt 1932 die Kundenmühle in einer Zeit des Umbruchs: Längst ersetzt die elektrische Energie den Antrieb von Mahlwerken, die Industriemühlen entstehen.
1970 gibt der letzte Kundenmüller, Hans Leuenberger den Betrieb auf. Er ist ledig und ein Nachfolger fehlt. Einen Käufer zu finden ist schwierig, besonders auch der sanierungsbedürftigen Gebäude wegen. Die Gemeinde Lützelflüh bietet sich als Käuferin an.
An der ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom 23. Oktober 1970 erwirbt die Gemeinde die Mühlebesitzung, Gebäude, Land und Wald (11’665 ha) für CHF 550’000.
Die damals Verantwortlichen sind kluge Strategen: Mit dem Kauf des gesamten Mühlegutes steht Land zum Abtausch oder Verkauf zur Verfügung, die Scheune kann zum dringend benötigten Werkhof umgebaut werden, für das Hauptgebäude und das Stöckli werden sich Käufer für Liebhaberobjekte finden lassen.
Der Plan geht auf. An der nächsten Gemeindeversammlung im Frühjahr 1971 wird eine grosse Fläche Land in der Bodenmatt für über CHF 100’000 desinvestiert. Etwas harziger läuft der Verkauf von Hauptgebäude und Stöckli. „In letzter Minute“ vor der entscheidenden Gemeindeversammlung am 2. Juni 1972 wird das Angebot einer nur wenigen Gemeindebürgern bekannten Frau eingereicht, die wesentlich mehr zu bezahlen gewillt ist als der bisher einzige Anbieter. Ihr Name: Jolanda Rodio. Die fast unbekannte Dame erhält aufgrund von Auskünften von namhaften Votanten den Zuschlag. Dies allerdings verbunden mit der ambitiösen Auflage, die gesamte Liegenschaft innerhalb von zwei Jahren sanieren zu lassen.
Herkunft des Wissens
Jubiläumsschrift der Kulturmühle Lützelflüh, zusammengestellt von Heinrich Schütz.
Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv
Ich/wir geben das Wissen an Mühleführungen weiter und an interessierte Personen.






