ES_0129

«Allen Gärber Gesundheit»

Vorname/Name
John Gerber
Jahrgang
1939
PLZ/Ort
3552 Bärau
Kurzbeschrieb
Seit 1731 ist der Hof „Vorder Giebel“ im Besitz der Familie Gerber – heute lebt dort die 8. bis 10. Generation. Ein zentrales Erbstück ist das „Gerberglas“ von 1736, aus dem bei Festen rituell getrunken wird. Trotz schwerer Krisen und existenzieller Nöte im 20. Jahrhundert blieb der geschichtsträchtige Hof bis heute im Familienbesitz.
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Text

Als John Gerber bei einem Besuch des Berner Staatsarchivs das Transkript des Tauschvertrags von 1731 in die Hände bekam, wurde ihm bewusst, dass er auf einem sehr geschichtsträchtigen Hof lebt. Seit bald 300 Jahren, so erfuhr er im Zuge weiterer Recherchen, war seine Familie schon im Besitz des Vorder Giebel (Bärau). Aktuell (2026) leben die 8., 9. und 10. Generation auf dem Hof.

Zur Vorgeschichte – soweit die Fakten heute überhaupt noch nachvollziehbar sind: Vor Gerbers gehörte der Hof einem gewissen Hans Bürki. Dieser sei ein Täufer gewesen, aber «kein braver», wie John Gerber sagt. «Einmal ist er vom Chorgericht verurteilt worden, weil er an einer Hochzeit zum Tanz aufgespielt hat.» Bürki hat den Hof 1682 übernommen, so steht es in John Gerbers eigens zusammengestellten Giebelbesitzer-Liste, die bis auf das Jahr 1389 zurückgeht. Damals ist der Besitz noch viel grösser gewesen, sowohl das Giebelmoos wie auch Ober- und Unterlungrat haben noch dazugehört. «Der heutige Hof ist nur noch ein Überrest.»

Für Hans Bürki folgte eine dramatische Zeit, in der er im Zuge der Täufer:innenverfolgung mehrfach gefangen gehalten und ausgeschafft worden war.

Nachdem er enteignet worden war, erwarb der Langnauer Michael Gerber den Vorder Giebel, indem er Bürkis Schulden übernahm. Und: die beiden Schwestern von Hans Bürki! Im Tauschvertrag von 19. September 1731 steht: «Gegentäuscher Gerber muss Schulden übernehmen: den Vertäuscheren Bürkins 2 schlechte Schwestern nahmens Christina und Barbara Bürki bey weil ihrem Leben mit Fahl und Rath, Speis und Trank, Nahrung und Kleidung umb den jährlichen Zins von jenigen 1000 £, welche ernente zwei Schwösteren auf dem verkauften gut zu fordern und beywil dero Leben nicht abgelöst werden, sondern stehen bleiben sollen ohne der übrigen vertäuscheren Entgeltnis zu erhalten und zu versorgen». Wie der Ausdruck «die schlechten Schwestern» zu interpretieren ist, ist unklar. Vermutlich bedeute es «krank», sagt John Gerber.

Michael Gerber hat 1735 auf Giebel einen Käsespycher und kurze Zeit später einen im Lungrat gebaut. Bei letzterem kann man die Inschrift nur noch entziffern, wenn man diese Geschichte kennt.

1736 hat die Familie Gerber («immer schon eine Sippe», wie John Gerbers Unterlagen zu entnehmen ist) das sogenannte «Gerberglas» kreiert – mit Wappen und dem Trinkspruch. Daraus wurde an Familien- und Hoffesten mit Knechten, Mägden, Nachbar:innen und Täufergeschwister getrunken. Seither ist es das am sorgfältigsten aufbewahrten Erbstück der Gerberfamilie. «Mein Vater hat es zeitweise in einen Banksafe in Langnau aufbewahrt», sagt John Gerber. Bei besonderen Gelegenheiten wird der Schatz allerdings nach wie vor hervorgeholt. Wenn etwa Leute mit Giebel-Wurzeln ihren Herkunftsort aufsuchen ist der Trunk aus dem Gerberglas ein Höhepunkt – oder gar «ein feierlicher Akt, fast wie das Abendmahl in der Kirche». Das Glas wird mit Rotwein gefüllt, der Hausherr erhebt das Glas und spricht aus: “Allen Gerber Gesundheit!” und nimmt einen kräftigen Schluck.

In seiner Gerber-Geschichte ist die Zukunft des Hofs auch mal an einem seidenen Faden gehangen, erzählt John Gerber. Unter anderem dann, wenn es keine Nachfolger habe geben wollen (und dann im letzten Moment doch noch ein Sohn kam). Schwer seien ausserdem die 1920er und 1930er gewesen. Da habe John Gerbers Grossmutter Rosa Gasser, Ilfisstalden, die den Betrieb nach dem frühen Tod ihres Mannes durch die spanische Grippe alleine weiterführte, einen grossen Beitrag geleistet. Und dann auch sein Vater Ruedi, der den Hof unter schweren Bedingungen weiterführte. «Mein Vater hat darüber stets geschwiegen. Erst als er starb, habe ich in Erbverträgen gesehen, dass es fast zu Ende gegangen wäre», erzählt John Gerber.

Herkunft des Wissens

Interview mit John Gerber

Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv

John Gerber forscht seit Jahren an seiner Familiengeschichte und gibt das Wissen gerne weiter.

Bilder

Original Tauschbrief von 1731

Original Tauschbrief von 1731

Das Gerberglas und der Gerber-Trinkspruch

Giebel-Käsespycher von 1735

Lungrat-Käsespycher - die Inschrift ist kaum mehr lesbar

U du, weisch no meh?

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