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«Rääf» und Waldwirtschaft

Vorname/Name
Thomas Gerber
Jahrgang
1957
PLZ/Ort
3550 Langnau
Kurzbeschrieb
Ein «Rääf» oder «Gabeli» diente dazu, schwere Lasten in steilem Gelände zu tragen. Mein Vater nutzte sein Traggestell, um schwere Zuckersäcke zum Bienenhaus in unserem Waldstück zu bringen. Der Wald schenkte uns nicht nur Honig, auch das Holz bot uns eine wichtige Einnahmequelle. Wir nutzen es es Feuerholz, verarbeiteten es weiter oder verkauften es. Das Wissen um die Nutzung von Wald, war hier weitverbreitet.
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Text

Ein «Rääf» oder «Gabeli»  – schweizerdeutsche Worte für ein Rückentraggestell – dienten dazu, schwere Lasten in steilem Gelände zu transportieren, wo kein Fahrzeug hinkam und kein Weg hinführte. Dieses einfache Hilfsmittel steht für eine Arbeitsweise, die an die Topografie angepasst ist und über Generationen weitergegeben wurde. Auch mein Vater besass ein solches Traggestell und ich verbinde damit viele Erinnerungen.

Ein Bild das mir geblieben ist, ist, wie er mit dem «Rääf» grosse, schwere Zuckersäcke von der Talstrasse hinauf zu unserem Bienenhaus am Waldrand im Oberfrittenbach bei Langnau trug. Wenn nach der Waldblüte und vor der Blumenblüte wenig Nahrung vorhanden war, mussten die Bienen mit Zuckerwasser zugefüttert werden. Den Zucker schleppte mein Vater rund sechzig Höhenmeter hinauf, dazu eine Kanne frisches Wasser. In meiner Kindheit betreute er etwa 12 bis 15 Bienenvölker, später waren es zeitweise sogar 28.

Mein Vater war Lehrer im Oberfrittenbach. Während seiner Kindheit waren die Ressourcen knapp. Als Nebenerwerb, da beim Grossvater, der Lehrer war, wenig Lohn einging, war die Familie hauptsächlich auf Selbstversorgung angewiesen. Ein Säuli zum Metzgen, einige Hühner, einen Gemüsegarten, Obstbäume und eben der Honig der eigenen Bienen halfen die Knappheit zu überbrücken.

So sicherte das Stück Wald auch unserer Familie spätere eine zusätzliche Einnahmequelle. 1960 konnte mein Vater das rund ein Hektar grosse, mehrheitlich steile Waldstück erwerben, in dem unser Bienenhaus stand. Ab 1961 schlug er erstmals eigenes Holz. Wir nutzten es als Feuerholz fürs Cheminée (wir wohnte bereits in Langnau im Dorf und hatte eine Heizung) und sparten damit an Heizöl. Einige Bretter verarbeitete er zu Gestellen und Tablaren, während der Grossteil des Holzes an eine Sägerei in Zollbrück verkauft wurde.

Interessanterweise ist im Emmental ist der Grossteil des Wald in Privatbesitz (86%!). Zu einem Landwirtschaftsbetrieb gehört Wald selbstverständlich dazu. Umso stolzer war mein Vater als Nichtlandwirt, eigenen Wald zu besitzen. Durch ihn durfte auch ich ein Stück Waldwissen kennenlernen, das hier besonders verbreitet ist.

Herkunft des Wissens

Das Wissen basiert auf Kindheitserinnerungen. Ich war dabei. Ich hörte die Erwachsenen über die Situationen reden – knappes Haushaltsgeld, Ergänzungsmöglichkeiten, selber tätig und aktiv sein und vor Ort umsatzbare Lösungen suchen, vorhandene Mittel wie Holz und Bienen nutzen usw. Mein Vater stammte nicht aus einer Bauernfamilie jedoch klar aus einem bäuerlich geprägten Umfeld. Aus diesem Grund habe ich solche Inhalte, aber vor allem auch Werte und Selbsthandlungen, als Kind mitbekommen

Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv

Die Holzerei habe ich nie persönlich ausgeführt. Die Bienenpflege stand mir eine Weile näher. Als mein Vater starb, habe ich einen Bienenkurs besucht und seine Bienen noch einige Jahre weitergepflegt, bevor ich die restlichen Völker dem Nachbarn weitergab. Was aber geblieben ist:

Die prägenden Werte, die Erinnerungen an die Zeit mit dem Vater im Wald und im Bienenstand, haben ein Verständnis dafür geweckt, dass «von Nichts kommt nichts» mit persönlichem Einsatz aufzufangen ist. Ich gebe es an meine Kinder und Grosskinder weiter.

Bilder

Waldschlag, 1961: Erinnerung mit Mutter Zwischenverpflegung für die Holzer bringen

Mein Bruder beim Holzen

Direkt übers Brüggli unterhalb des Brändli befand sich unser privates Waldstück auf 747 m ü.M.

Holzschlagbewilligung von Grossvater Jakob Gerber von 1942. Das Waldstück war schon vorher in der Familie.

Karte des Waldstücks. Handzeichnung meiner Mutter mit eingezeichneten Marksteinen und (Holz-) Laas

Chronik meines Vaters, in der er über Jahre alles der Familie festhielt

Video

1 Kommentar

  1. Simon 18. Mai 2026 um 10:27 - antworten

    Danke, Thomas, für deine Schilderungen, die ich aus meinem Blickwinkel (Bauernsohn, aufgewachsen in Eggiwil) ebenfalls bestätigen kann. Du schreibst vom abgebildeten «Rääf oder Gabeli» – ich erlaube mir, hier den Unterschied festzuhalten:
    Auf deinem Bild ist ein «Gabeli» dargestellt. Ein «Rääf» hat einen etwas längeren Rückenteil und oben auf der Trägerseite einen festen Deckel (Brett aus Holz), damit der Träger mit seinem Kopf und einem dazwischen liegenden Kissen die schwere Last fixieren konnte. Dazu gehörte ein stabiler «Stecken» (Stab), damit der Träger im unwegsamen Gelände besser stehen konnte. Mein Grossvater, Bauer in Eggiwil, erzählte mir, dass verschiedene Waldbesitzer meistens gemeinsam das Holz und die Wedelen aus dem Wald getragen haben. Die zwei ältesten Männer bereiteten die Lasten vor und die jüngeren brachten sie an den Bestimmungsort. Nicht selten sei den jungen «Rääfern» eine Spälte oder eine Wedele mehr als zuvor aufgeladen worden. Ehrgeizige «Rääfer» hätten sich nichts anmerken lassen wollen, mussten sich dann aber nach getaner Arbeit ziemlich erschöpft zu Hause erholen.

U du, weisch no meh?

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