ES_0186

Frauen leisten Aktivdienst

Vorname/Name
Gertrud Rutschi-Künzi
Jahrgang
1935
PLZ/Ort
3454 Sumiswald
Kurzbeschrieb
Bekannt ist, dass wehrpflichtige Männer in der Schweiz während dem 1. Und 2. Weltkrieg Aktivdienst geleistet haben. Aber auch Frauen haben Aktivdienst geleistet. Zufällig erfuhr ich dies von meiner Schwiegermutter, dass sie während dem Ungarn Aufstande von 1956 ebenfalls Aktivdienst geleistet hat.
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Text

WARTEN MIT VERÖFFENTLICHEN

Am 27. November 1956 erhält Frau Gertrud Künzi aus Grünenmatt, Angehörige der FHD, vom Kommando der Ter. Zone 2 einen Marschbefehl: Teilkriegsmobilmachung! Gertrud Künzi erhält den Befehl, feldmarschmässig am Samstag, 1. Dezember 1956, 10:00 Uhr in der Kaserne Liestal einzurücken.

Gertrud Künzi reist nach Liestal. Punkt 16:00 Uhr erfolgt auf dem Kasernenhof die Vereidigung der zum Aktivdienst aufgebotenen Betreuungsdetachemente. Die Zeremonie mit dem Fahneneid bleibt   für Gertrud Künzi bis heute unvergesslich. In ihrem Dienstbüchlein wird dieser Dienst als Aktivdienst vermerkt!

Es gibt viel zu tun hier in der Kaserne Liestal. Die Kaserne dient als Lager für die Flüchtlinge aus Ungarn. Die Flüchtlinge durchlaufen eine aufwändigen Eintrittsprozess (administrative, hygienische und sanitarischen Massnahmen).  Weiter müssen die Flüchtlinge (Männer, Frauen, Kinder) entsprechend mit dem Notwendigsten versorgt werden. Die Schweizerbevölkerung spendete unter anderem Kleider, Schuhe und Spielzeuge. Diese mussten, wo notwendig ausgebessert, und an die Bedürftigen verteilt werden. Einfach war dies nicht. Unter anderem war die Verständigung oft nur mit «Händen und Füssen» möglich. Die Verpflegung wurde durch die Küchenmannschaft der Kaserne geliefert. Eine Situation mit vielen Herausforderungen für Flüchtlinge und Betreuer:

  • Fremdes Land
  • Fremde Sprache
  • Fremdes Essen
  • Aktuelle politische Situation
  • Wie geht es weiter?

Die Medien berichten wohlwollend über die ausserordentlichen Leistungen der Aktivdienst leistenden Truppen.

 

{Video mit Quellenangabe}

Schweizer Filmwochenschau (SFW), Ungarnflüchtlinge (0753-2), 11.01.1957. Quelle : Schweizerisches Bundesarchiv, Cinémathèque suisse, Filmbestand Schweizer Filmwochenschau (1940-1975), Schweizerisches Bundesarchiv: J2.143#1996/386#753-1#2*, Online: https://memobase.ch/de/object/bar-001-SFW_0753-2, Stand: 02. October 2026

 

Gertrud Künzi leistet diesen Aktivdienst und nachfolgende Dienste mir ihren FHD-Kameradinnen. Sie ist eine der wenigen Frauen aus dem Emmental. Ihr wirken beim FHD war für ihren Bekanntenkreis neu.  Die Dienste beim FHD ermöglichen Frau Künzi die Schweiz mit ihren Bewohnern kennen zu lernen. Eine Möglichkeit zu Zeiten, wo Reisen kostspielig und oft gar nicht möglich war. Als Frau Künzi heiratet, beendet sie ihren Dienst beim FHD. Ihr Ehepartner begleitet Frau Rutschi-Künzi zum «Abgeben». Bis heute geblieben sind:

  • Ihre Dienstbüchlein
  • Der Marschbefehl vom 27. November 1956
  • Das Arbeitsheft für den Einführungskurs des FHD
  • Ein nicht ganz ernst gemeinter humoristischer Tagesbefehl
  • Erinnerungen an eine vergangene Zeit

 

{Ergänzender Teil: Zum Thema Ungarnaufstand}

(Quelle: «Schweizer Soldat»: Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD, Die Fürsorge der FHD in den Ungarnlagern 1956/57)

Der Ungarische Aufstand begann im Herbst 1956: Das ungarische Volk verlangte freie Wahlen, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung. Russische Truppen schlugen diesen Aufstand brutal nieder. Der Kampf kostete Tausende von Menschenleben, Zehntausende von Deportierten und mehr als hunderttausend Flüchtlinge.

Dieser Aufstand gegen das Sowjetregime und dessen Niederschlagung wurde von der in Europa und der Schweiz mit grosser Bestürzung mitverfolgt.

 

{Video mit Quellenangabe}

Schweizer Filmwochenschau (SFW), Panzerabwehrkurse (0764-3), Schweizer Filmwochenschau, Schweizer Filmwochenschau vom 29.03.1957, SFW, aus: Schweizerisches Bundesarchiv, Cinémathèque suisse, Filmbestand Schweizer Filmwochenschau (1940-1975), Schweizerisches Bundesarchiv: J2.143#1996/386#764-1#3*, Online: https://memobase.ch/de/object/bar-001-SFW_0764-3 , Stand: 16. October 2026

 

Das Schweizerische Rote Kreuz versuchte die Nöte der Bevölkerung in Budapest zu lindern, Flüchtlinge die nach Österreich gelangten zu unterstützen und ungarischen Menschen in der Schweiz Asyl zu verschaffen.

Die Schweiz nahm nach dem Ungarnaufstand 1956 über 10’000 Flüchtlinge auf, deren Einreise der Bundesrat durch Erlass von insgesamt zwei Kontingenten bewilligte. Die Flüchtlinge des ersten Kontingents wurden durch private Hilfsorganisationen betreut. Als diese an ihre Grenzen stiessen, sorgte der Bund durch das Aufgebot des territorialdienstlichen Betreuungsdienstes der Armee zunächst zu einem Aktivdienst und später zu einem „ausserordentlichen Instruktionsdienst“ bis Mitte Februar 1957 vorübergehend für die Betreuung und Unterbringung der Ungarn des zweiten Kontingents in Militärkasernen. (Quelle: Masterarbeit: «Zwischen Eigennutz und Flüchtlingsschutz», Das Schweizer Fachportal für die Geschichtswissenschaften)

 

 

Auf Grund eines Bundesratsbeschlusses wurden militärische Massnahmen eingeleitet:

  • Die Kommandanten der zuständigen Territorial-Zonen wurden am Montag, 26.11.1956, überraschend zu einem Rapport nach Bern berufen.
  • Der damalige Chef der Sektion Betreuung der Untergruppe Territorialdienst, Oberstbrigadier Schindler, orientierte die Rapportteilnehmer über den Beschluss des Bundesrates.
    • Demnach würden weitern 6000 ungarischen Flüchtlingen Asyl in der Schweiz gewährt.
    • Die Aufnahme und die Betreuung dieser großen Zahl bedinge den Einsatz militärischer Formationen.
    • Mangels anderer rechtlicher Grundlage muss dieser Dienst als Aktivdienst geleistet werden; sobald der dringliche Bundesbeschluss gefasst ist, sollen diese Dienstleistungen unter seinem Regime erfolgen[1].
    • Die Betreuungs-Detachemente seien durch Marschbefehlskarten aufzubieten.

 

Das Einrücken der Betreuungsdetachemente erfolgte jeweilen drei Tage vor dem Eintreffen der Transportzüge. Nach der raschen Mobilmachung und der anschließenden Vereidigung der Wehrmänner und der FHD wurden in den Kasernen Luzern und Liestal unverzüglich je ein Männer-, ein Frauen- und Kinderlager sowie ein Familienlager errichtet. Die Lager in Liestal und Luzern wurden durch je eine Koordinationsstelle geführt. Dabei stand diverse Detachemente unter anderem auch ein Detachement Betreuungs-FHD zu Verfügung.

[1] ) Die Erfahrungen aus der Ungarnkrise zeigten, dass der Einsatz von Freiwilligen des FHD bürokratisch und rechtlich starr geregelt war. Am 20. Dezember 1957 erliess der Bundesrat einen umfassenden neuen Beschluss über den Frauenhilfsdienst (FHD-Statut) (in Kraft getreten per 1. Januar 1958). Dieser Beschluss regelte die Aufgebotsverfahren, die Dienstpflichten und die Integration des FHD in die Armeestrukturen neu. Künftige Einsätze bei Krisen oder Katastrophen konnten dadurch flexibler und ohne den schwerfälligen Automatismus eines Aktivdienst-Status abgewickelt werden.

Herkunft des Wissens

Dieser Beitrag stammt von Hanspeter Durand, dem Schwiegersohn von Gertrud Künzi.

Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv

Bilder

DAs Arbeitsheft - Einführungskurs FHD

Marschbefehl vom 26. November 1956

Flyer - Wir betreuen Flüchtlinge

Humoristischer Tagesbefehl

Basellandschaftliche Zeitung vom 3. Dezember 1956

Basellandschaftliche Zeitung vom 3. Dezember 1956

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