ES_0220
Halalkäse und Vorurteile
Vorname/Name
Livia Künzi
Jahrgang
1990
PLZ/Ort
3014 Bern
Kurzbeschrieb
Als Projektleiterin von «spychere!» lerne ich viel über das Emmental und sein lokales Wissen. Doch Wissen verändert sich, wenn man nachfragt, überprüft und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt. Das zeigt sich am Beispiel des Halalkäses aus der Gohlkäserei: Was mir zwei junge Männer am Märit erzählten, stellte sich grösstenteils als falsch heraus. Die Auseinandersetzung damit führte mich nicht nur zu neuen Erkenntnissen über die Käseproduktion, sondern auch zur Frage, wie Vorurteile unser Wissen prägen. So wurde aus einer fremden Erzählung mein eigener, «mutierter» Wissensbeitrag.
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Text
Als Projektleiterin von «spychere!», die nicht aus dem Emmental stammt, lerne ich vieles über das Emmental. Meistens sind es spannende, liebenswerte und schöne Begegnungen und Gespräche. Für mich als gebürtige Bernerin ist das Wissen, das mit mir geteilt wird, oft nicht selbstverständlich. Ich muss nachfragen und mich korrigieren lassen, wenn es um genaue Ausdrucksweisen, Nuancen oder Ortsbeschreibungen geht. Durch dieses Hin und Her geschieht oft etwas Neues: Wissen verändert sich, wird neu betrachtet oder hinterfragt.
Mein Beitrag zum Halalkäse aus der Gohlkäserei ist eine Art «mutierter» Wissensbeitrag. Der Inhalt, den ich ursprünglich erhalten hatte, um ihn im e-spycher zu veröffentlichen, hat sich im Laufe der Auseinandersetzung verändert. Nun erscheint er im e-spycher als mein eigener Wissensbeitrag.
Am Märit im Ilfis Zentrum betreute ich den «spychere!»-Stand des Chüechlihus, als mir zwei junge Männer vom Halalkäse aus der Gohlkäserei erzählten.
Ihre Erzählungen machten mich allerdings stutzig. Sie berichteten mir Folgendes:
In der Gohlkäserei im Emmental wird seit vielen Jahren traditionell Käse hergestellt. Als der neue Geschäftsführer die Käserei übernahm, stellte er fest, dass der Schweizer Markt ausgeschöpft war. Gleichzeitig erkannte er das grosse Potenzial des würzigen Käses und seine Beliebtheit im Ausland. Er knüpfte Kontakte zu Handelspartnern im arabischen Raum, etwa in Saudi-Arabien und Abu Dhabi. Dort sei Emmentaler Käse wegen seines einzigartig würzigen Geschmacks besonders beliebt. In vielen dieser Länder gebe es zwar eigene Käsetraditionen, diese unterschieden sich jedoch stark von der hiesigen. Gerade weil sich der Emmentaler Käse so deutlich von den milden Frischkäsen der Region unterscheide, sei er besonders gefragt.
Die einzige Bedingung der Handelspartner im arabischen Raum sei gewesen, dass der Käse halal sein müsse, also den islamischen Speisevorschriften entsprechen sollte. Die beiden jungen Männer erklärten mir, dass für die Herstellung von Halalkäse verschiedene Bedingungen gelten würden.
Während des gesamten Herstellungsprozesses dürften nur Männer die Kühe, die Milch und den Käse berühren, die für den Halalkäse verwendet würden. Gemäss den Verträgen mit den Milchbauern dürften Frauen die Milchkühe nicht berühren. Zudem habe man drei muslimische Männer in der Gohlkäserei angestellt. Nur sie dürften die Produktion des Halalkäses betreuen.
Um es vorwegzunehmen: Das meiste davon stimmt nicht. Nach Gesprächen mit der Gohlkäserei, der Lektüre verschiedener Zeitungsartikel und aufgrund meines eigenen Vorwissens über den Islam und halal-konforme Lebensmittel wurde mir klar, dass ich diesen Beitrag nicht in dieser Form veröffentlichen konnte. Nicht nur, weil die Informationen falsch waren, sondern auch, weil ich vermutete, dass die fehlerhaften Erzählungen mit tiefer liegenden islamophoben Vorurteilen zusammenhingen.
Zur Klärung:
- Emmentaler Käse wird im arabischen Raum nicht einfach wegen seiner besonderen Würzigkeit geschätzt. Die Herstellung von Halalkäse war jedoch ein erfolgreicher Versuch der Gohlkäserei, einen neuen Markt zu erschliessen.
- Damit ein Käse halal ist, muss auch das verwendete Lab den islamischen Speisevorschriften entsprechen. Traditionell wird tierisches Lab aus den Mägen junger Kühe gewonnen. Für Halalkäse kann beispielsweise mikrobielles Lab verwendet werden. Entscheidend ist, dass die verwendeten Zutaten und der Herstellungsprozess den jeweiligen Halal-Anforderungen entsprechen.
- Es gibt keine Auflagen für die Milchbauern, wonach Frauen die Milchkühe nicht berühren dürfen.
- Für die Herstellung von Halalkäse braucht es keine muslimischen Männer. Die Gohlkäserei hat dafür auch keine zusätzlichen Mitarbeiter eingestellt.
- Der Halalkäse aus der Gohlkäserei ist kein Emmentaler Käse.
Aktuell produziert die Gohlkäserei keinen Halalkäse mehr, da die Nachfrage eingebrochen sei. Samuel Guggisberg wäre jedoch jederzeit bereit, die Produktion wieder aufzunehmen. Denn die Gohlkäserei verfügt weiterhin über das nötige Know-how und die entsprechenden Produktionsabläufe.
Ich habe diese Geschichte mehrmals besprochen: im Team, in meinem privaten Umfeld und auch im Rahmen der Auswertung dieser Wissensbeiträge. Es ist aber nicht nur das Wissen rund um den halalkäse oder die Gohlkäserei, dass ich spannend und bereichernd finde, sondern auch der Umstand, dass lokales Wissen dazu dienen kann bestimmte Menschen ein- oder auszugrenzen.
Herkunft des Wissens
Aus einem Gespräch am Ilfis Märit und im Austausch mit der Gohlkäserei.
Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv
Als Projektleiterin für Spychere lerne ich das Emmental noch einmal neu kennen.





