
ES_0145
Woher kommt der Name Chüechlihus?
Vorname/Name
Susan Roethlisberger
Jahrgang
1932
PLZ/Ort
3550 Langnau
Kurzbeschrieb
Wo sich heute ein Fenster befindet, führte früher die Eingangstür zur Chüechliwirtschaft. Hier wurden täglich frische Chüechli gebacken und verkauft. Die kaum sichtbare Spur in der Fassade erinnert an einen Ort, an dem sich Marktbesucher:innen, Dorfbewohner:innen und Bäuer:innen begegneten und der noch heute in vielen Erinnerungen weiterlebt.
Dieser Beitrag ist Teil der Spurensuche durchs Chüechlihus.
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Text
Schau dir die Aussenwand hier im Introraum zwei genau an. Wo sich heute ein Fenster befindet, führte früher eine Tür direkt in die Kaffeewirtschaft. Der ehemalige Eingang ist bis heute von innen erkennbar, wenn man genau hinschaut. Auch von aussen lässt sich die Spur noch entdecken. Aus Gründen des Denkmalschutzes darf die historische Fassade heute nicht mehr verändert oder markiert werden, denn das Chüechlihus wurde vom Bund bereits 1960 als Schützenswertes Bauobjekt klassifiziert.
Die beiden vorderen Zimmer, die Stuben, gehörten bis ins Jahr 1956 zur Chüechliwirtschaft. Im heutigen Foyer standen zwei riesige Holzherde. Hier wurde jeden Tag eingeheizt und Chüechli gebacken. Angeboten wurden Chüechli, Chrutchüechli, Brotchüechli, Birechüechli und Strübli. Rosechüechli, wie wir sie heute vom Märit kennen, gab es damals allerdings eher selten.
Die Brotchüechli waren einfache Weissbrote, ähnlich einer Parisette, die im Schweinefett frittiert wurden. Die Chrutchüechli waren mit Spinat oder Boratsch gefüllt. Boratsch wächst heute noch in vielen Gärten, wird aber nur noch selten gegessen. Seine Blätter sind stark behaart und riechen frisch leicht nach Fisch.
Von einzelnen Wirten kennen wir die Namen: Frau Tanner führte die Chüechliwirtschaft bevor sie schliessen musste. Auch der Name des Ersten Wirtes ist bekannt: Christian Gerber eröffnete die Kaffeewirtschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gebacken wurde von den Chüechlerinnen. Es waren ausschliesslich Frauen, die früh am Morgen zu Fuss oder mit dem Velo nach Langnau kamen, um hier den ganzen Tag Chüechli zu backen.
Susan Roethlisberger war ehemalige Konservatorin im Chüechlihus, als es noch Heimatmuseum hiess. Sie stammt aus einer alten Langnauer Käsehandelfamilie und wuchs gleich neben dem Chüechlihus auf als es die Kaffeewirtschaft noch gab. Sie rinnert sich:
Damals kannte ich die Frauen nicht, ich war ja noch ein Kind. Viele Jahre später hat sich eine ehemalige Chüechlerin bei mir gemeldet. Sie hatte einen Artikel von mir in der Zeitung gelesen und wollte mir von ihrer Zeit in der Kaffeewirtschaft erzählen. Jeden Morgen fuhr sie früh mit dem Velo zur Chüechliwirtschaft. Ihr Mann war Stallknecht im Löwen.
Ich weiss nicht mehr, wie viel die Frauen verdienten. Auch nicht, wie teuer ein Chüechli war. Vielleicht zwanzig Rappen?
Immer am Freitag sind wir Dorfleute Chüechli kaufen gegangen. Man musste draussen anstehen. Oft wurden wir Kinder geschickt, um für die ganze Familie einzukaufen. Meine Cousine hat sich jeweils geschämt, weil sie für ihre grosse Familie gleich hundert Chüechli kaufen musste. Als wir endlich mit den Chüechli zu Hause ankamen, sass die ganze Familie schon am Tisch – denn wir mussten oft lange warten, bis wir die Chüechli erhielten.
In der Chüechliwirtschaft gab es Chüechli und Kaffee. Wir selbst sind dort eigentlich nie eingekehrt. Wenn man essen ging, ging man vielleicht ins . In der Chüechliwirtschaft trafen sich eher die Bauern, die von auswärts an den Markt kamen. Man sagte damals auch, dass die Dorfleute die Apfelchüechli mit gerüsteten Äpfeln bekamen, während die Bauern die Chüechli mit ungerüsteten Äpfeln erhielten.
Ich habe mich manchmal sogar für dieses «Mehr Besser-Sein» geschämt. Einmal habe ich eine ganze Woche meine Kleider nicht gewaschen, damit ich nicht so behütet aussah.
Nach Beerdigungen traf man sich oft hier in der Chüechliwirtschaft wieder. Für Feste kam man eher nicht her. Nachdem die Chüechliwirtschaft 1956 geschlossen wurde, befand sich für kurze Zeit eine in den Räumen. Dort trafen sich die Militärmänner am Abend zum Essen, weil es günstiger war als im Restaurant. Wahrscheinlich wurde auch Alkohol ausgeschenkt.
Die Apfelchüechli schmecken ähnlich wie damals, aber doch ein wenig anders. Heute werden sie in Öl frittiert und nicht mehr im Schweinefett. Ausserdem haben wir sie damals mit gewöhnlichem Zucker bestreut und nicht mit Puderzucker. Zimt gehörte oft auch dazu.
Die Kaffeewirtschaft bestand von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 1956.
Herkunft des Wissens
Aus der eigenen Erinnerung
Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv
Bilder
Audio
Susan Roethlisberger war Konservatorin hier am Regionalmuseum und lebte als junges Mädchen bereits in Langnau. Sie kann sich noch an die Chüechlihus Kaffeewirtschaft erinnern.







