13.05.2026

Lokales Wissen ins Museum bringen

Partnerbeitrag von Science et Cité und Schweiz Forscht

Das Projekt «spychere! Wissen von hier sammeln, zeigen, nutzen» vom Regionalmuseum Chüechlihus in Langnau im Emmental, mit Schweiz forscht als Projektpartner, demokratisiert die Wissensproduktion im Museum und zeigt, wie bestehendes Museumswissen mit Citizen Science partizipativ ergänzt werden kann. Die Bevölkerung der Region teilt dabei ihr Wissen auf einer digitalen Plattform, dem e-spycher. Co-Forschende übernehmen eine zentrale Rolle, indem sie das Wissen sammeln und auszuwerten.

 

Tizian Zumthurm ist Projektleiter im Programm Citizen Science bei Science et Cité.

Science et Cité ist eine gemeinnützige Schweizer Stiftung und das nationale Kompetenzzentrum für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Schweiz forscht ist zentrale Plattform und wichtigstes Netzwerk für Citizen Science in der Schweiz.

 

Was ist lokales Wissen?

Seit der Lancierung des Projektes beschäftigt sich das Projektteam mit der Frage: Was ist lokales Wissen? Eine Definition ist naturgemäss schwierig. Unter anderem auch deshalb soll die Frage im Verlaufe des Projekts zusammen mit den Co-Forschenden beantwortet werden. Für den Sammlungsalltag braucht es aber schon jetzt einen Rahmen und so steht auf der Webseite folgende Beschreibung:

«Lokales Wissen ist Wissen, das mit einem Ort verbunden ist – mit einer Region, einem Dorf, einer Landschaft oder dem Alltag der Menschen, die dort leben. Es entsteht über viele Jahre durch Erfahrungen, Beobachtungen und Erinnerungen. Manches Wissen ist sehr persönlich, anderes teilen viele, ohne es bewusst zu merken. Oft wird es einfach weitererzählt oder vorgelebt – von Generation zu Generation.»

Dabei wird auch der Wert von lokalem Wissen herausgestrichen: «Es zeigt, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen, wie sie sich darin verhalten und was ihnen wichtig ist. Lokales – unausgesprochenes – Wissen hat dementsprechend auch viel mit Zugehörigkeit oder eben Ausgrenzung zu tun.» Diese Zusammenhänge und Mechanismen sind nicht nur gesellschaftlich relevant, sondern auch wissenschaftlich spannend. Die Wertschätzung und Valorisierung von lokalem Wissen ist eine der Open Science Empfehlung der UNESCO, um die Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft zu öffnen und Citizen Science kann hier einen wertvollen Beitrag leisten.

Hilfreich, gerade auch für das Sammeln von Beiträgen, ist eine Definition von lokalem Wissen anhand von konkreten Beispielen. Als Inspiration hat das Museum um die 25 Einträge im e-spycher angelegt, welche die Basis der Museumsausstellung bilden und bei der Vernissage zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Ausgangspunkt war das Museumsdepot: Jedes Teammitglied begab sich auf die Suche nach einem Objekt aus der Sammlung – eines, mit dem sich eigenes Wissen, Erinnerungen oder Beobachtungen verbinden liessen. Mehr zu diesem Prozess findet sich im Blog vom Regionalmuseum Chüechlihus.

 

Wie sammelt man lokales Wissen?

Eine breit angelegte Plakatkampagne in der Region und Aufrufe im Internet schaffen Aufmerksamkeit für das Projekt und animieren die Leute, eigene Wissensbeiträge hochzuladen. Eine zentrale Rolle für das Sammeln von lokalem Wissen nehmen neun sogenannte Co-Forschende ein. Sie speisen nicht nur eigenes Wissen ein, sondern befragen auch Bekannte und gehen auf die Bevölkerung zu. Die Co-Forschenden kommen aus der Region, aus Orten, Gräben und Zentren. Sie sind unterschiedlich alt, haben verschiedene Bildungswege durchlaufen, sind zugezogen oder im Emmental geboren, und haben unterschiedliche Wissenshintergründe und Netzwerke. Diese Vielfalt stellt sicher, dass verschiedene Perspektiven und Lebensrealitäten berücksichtigt werden. Bei der Auswahl der Gruppe halfen die Kontakte des Museumsteams und die lokale Verankerung vom Regionalmuseum Chüechlihus – etwas, das viele Museen von Forschungseinrichtungen abhebt.

Weil die Co-Forschenden eine so wichtige Rolle im Projekt einnehmen, ist es zentral, dass sie gut vorbereitet mit dem Sammeln von lokalem Wissen starten. Als Start hierfür diente gutschweizerisch ein Kennenlern-Apéro. Dabei lernten die Co-Forschenden nicht nur einander persönlich kennen, sondern auch die konkrete Ausgestaltung der Ausstellung und deren Inhalte, was sehr gut als Gesprächsthema funktionierte.

 

 

Der nächste gemeinsame Anlass, war ein halbtägiger Kickoff Workshop, den die Co-Forschenden gut gerüstet für ihre Weiterarbeit verlassen sollten. Der Vorbereitungsprozess für einen solchen Workshop ist nicht zu unterschätzen, weil es vieles zu bedenken gibt, sowohl inhaltlich als auch formal. Das Projektteam holte sich externe Unterstützung dafür bei métraux&. Der informierte Blick von aussen erwies sich als hilfreich für die Schärfung des Prozesses und die Klärung des weiteren Vorgehens.

Was braucht es zur Vorbereitung?

Als Vorbereitung für den Kickoff Workshop haben die Co-Forschenden einen ersten eigenen Beitrag im e-spycher erstellt. Das hat sie für die technischen und konzeptionellen Herausforderungen sensibilisiert und sie konnten schon mit ersten Fragen an den Workshop kommen. An diesem Halbtag erhielten sie nicht nur Antworten darauf, sondern auch Hilfestellungen und Anleitungen für das weitere Vorgehen.

Dabei stand als erstes die Frage im Zentrum, wo sich denn lokales Wissen überhaupt findet. Grundsätzlich besitzen die Co-Forschenden selbst viel davon. Zudem kennen sie viele Personen, bei denen es sich lohnt nachzufragen, um deren lokales Wissen abzuholen. Schliesslich listeten sie zusammen Orte und Anlässe auf (Märkte, Chilbis, Gewerbeausstellungen), an denen sie auf Personen aus der lokalen Bevölkerung zugehen wollen, um weitere Wissenseinträge zu sammeln. Die standardisierte Form des e-spychers und die Vergabe von Schlagworten vereinfacht die spätere Auswertung der Einträge.

 

 

Als zweites übten die Co-Forschenden eine konkrete Sammlungs- oder Befragungssituation. Das war sehr hilfreich, weil sich so zeigte, wo die Herausforderungen liegen. Mögliche Lösungen diskutierten das Projektteam und die Co-Forschenden gemeinsam. Wichtig war, darauf hinzuweisen, dass es keine thematischen Grenzen gibt, dass potenziell fast alles spannend sein kann und dass man also lieber zu viel als zu wenig sammelt. Dies gibt den Co-Forschenden Sicherheit. Was den konkreten Ablauf eines Gesprächs anbelangt, wurde klar, dass vor allem der Einstieg doch einiges an Übung bedarf. Es lohnt sich, einen persönlichen «Elevator Pitch» einzuüben, eine kurze, mündliche Zusammenfassung, mit der man das Projekt in maximal zwei Minuten auf den Punkt bringt. Weiter zeigte sich, dass ein sorgfältig ausgearbeiteter Gesprächsleitfaden, der sich im Aufbau an den e-spycher Einträgen orientiert, sehr nützlich ist, weil er hilft systematisch vorzugehen und sich prägnant auszudrücken. Dabei konnte das Formular dazu nach dieser Übung und dem Feedback der Co-Forschenden noch auf deren Bedürfnissen angepasst werden. Das gilt auch für das begleitende Toolkit mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, Antworten auf FAQs, Verhaltenshinweisen für schwierige Situationen und Give-Aways (Visitenkarten, Postkarten, Bierdeckel).

In einer zweiten Phase des Projekts, die dann im Herbst beginnt, werden die Co-Forschenden dann auch bei der Auswertung der gesammelten Beiträge dabei sein. So bleibt die Perspektivenvielfalt auch in der Datenanalyse erhalten, was zentral ist für die Demokratisierung der Wissensproduktion.

Mehr Einblicke in den Workshop gibt es im Blogbeitrag: Wie sammelt man lokales Wissen?

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