
ES_0006
«Eine ordentliche Frisur»
Vorname/Name
Theres
Jahrgang
1956
PLZ/Ort
3550 Langnau
Kurzbeschrieb
1968 liess ich mir gegen den Willen meines Vaters die Zöpfe abschneiden. Damals galten verbindliche Haarnormen: Frisuren zeigten Alter, Zivilstand und Anstand. Rossschwänzli, zwei Zöpfe, Nackenzopf oder hochgestecktes Haar – jede Lebensphase hatte ihre Form. Mit dem Schnitt verschwand nicht nur mein Zopf, sondern auch ein Stück tradiertes Rollenverständnis.
Schlagworte
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Text
Sie griff mit beiden Händen nach meinen Zöpfen, strahlte mich im Spiegel an und sagte: «Die darf ich heute abschneiden?»
Ich war 12 Jahre alt und zum ersten Mal in meinem Leben in einem Coiffeursalon. Meine Mutter, in der Stadt aufgewachsen, ging hier wöchentlich ein und aus. Die Frau öffnete meine Zöpfe, flocht sie zu einem einzigen Zopf zusammen und schnitt diesen genüsslich ab. Oben fixierte sie ihn mit einem Stoffband und wickelte ihn dann für mich in Seidenpapier ein. Da liegt er noch immer in dieser Blechschachtel.
In der Schule hatten schon fast alle Mädchen ihre Zöpfe ab. Ich wollte nicht die Letzte sein! Aber mein Vater, aus einer Emmentaler Bauernfamilie, war stolz auf sein «Meitschi mit de schöne, dicke Zöpf». Er sagte: «Ich werde weinen, wenn du sie abschneidest!» Er war nicht Bauer geworden, er hatte eine Frau aus der Stadt geheiratet. Die Fürsprache meiner Mutter war es dann auch, was half: Er müsse ja die «Ausstrählerei» (Entwirren der nassen Haare mit dem Kamm) weder leisten noch erdulden.
Das war 1968. Mit Tausenden von Zöpfen wurden auch die alten Haarnormen abgeschnitten:
- Kleinen Mädchen band man die Haare zu einem hohen «Rossschwänzli» und freute sich am Kindergesicht. An Festtagen gab es eine helle Stoffschleife ins Haar.
- Schulmädchen trugen zwei ordentliche Zöpfe, das hielt oftmals bis zum Abend.
- Nach der Konfirmation waren die Haare lang genug für einen Zopf im Nacken. Offenes Haar wären bei der täglichen Arbeit hinderlich gewesen und gefährlich.
- Verheiratete Frauen steckten ihre Zöpfe hoch. Das sah «anständig» aus. Und es erlaubte einen Blick auf den – mehr oder weniger hübschen – Nacken.
Offenes Haar trugen Frauen nur im Bett, was deshalb als sexy galt und die Öffentlichkeit «gar nichts anging».
- Und dann gab es noch die «Haagguuri»: Randfiguren mit offenem, vielleicht schon ergrautem Haar. So schimpfte man übrigens auch über kleine Mädchen, die sich nicht kämmen lassen wollten. (Haag-Huri = jemand, der im Pflanzenhaag/zaun kauert, um sich zu verstecken.)
Herkunft des Wissens
Über Frisuren wurde unter Frauen wohl schon immer diskutiert. Das ist auch heute noch so. Es geht darum, sich einzuordnen, um nicht zur Aussenseiterin zu werden, aber genauso, sich abzugrenzen, um nicht «austauschbar» zu sein.
Meine zwei Grossmütter und meine diversen Tanten hatten das Thema «Frisuren» fast bei jedem Besuch oder Fest kurz mal auf dem Tapet. Ich habe 1 Schwester, 2 Schwägerinnen, 3 Töchter, 4 Enkelinnen – alle mit irgendwelchen Frisuren…
Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv
Ich finde es spannend, anhand dieses «kleinen» Themas auf das Leben meiner Vorfahrinnen zurückzublicken. Alle diese Frauen haben sich Gedanken gemacht, haben jeweils die zu ihrer Zeit besten Lösungen gesucht. In diesem Wissen fühle ich mich geborgen. Auch gebe ich es meinen Enkelinnen weiter, die sich das heute kaum vorstellen können.










