ES_0009

Schule: Dorf vs. Gräben

Vorname/Name
Peter Kläntschi
Jahrgang
1951
PLZ/Ort
3551 Langnau i. E.
Kurzbeschrieb
Hier auf dieser Postkarte sieht man Langnau und die umliegenden Gräben. Früher waren die Gräben mit Schulhaus, Käserei, Laden und Post weitgehend eigenständig. Mit den Schulschliessungen verlagerte sich das Leben zunehmend ins Dorf. Und doch der Wechsel ins grosse Sekundarschulhaus – der «eckige Klotz» – macht den Unterschied zwischen Graben und Dorf bis heute spürbar.
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Text

Hier auf dieser Postkarte sieht man das Dorf Langnau eingebettet in eine grüne Hügellandschaft, zwischen denen sich die sogenannten Gräben  befinden. Der Unterschied zwischen Dorf und Gräben zeigt sich in vielerlei Hinsicht. Als langjähriger Lehrer habe ich diese Unterschiede besonders am Beispiel der Schule erlebt und verstanden.

Früher war ein Graben weitgehend eigenständig. Neben dem Schulhaus gab es oft eine Käserei, einen Laden und eine Poststelle. Das Schulhaus war dabei das eigentliche Zentrum: Hier wurde nicht nur unterrichtet, sondern auch gesungen, Theater gespielt, diskutiert und abgestimmt. Es war Treffpunkt und Identifikationsort zugleich. Die Kinder lebten meist auf Einzelhöfen und kamen nur selten nach Langnau, vielleicht am Märit und bestimmt am Schulhausfest. Da zogen die Kinder durchs Dorf und trugen stolz eine Tafel mit dem Namen ihres Schulhauses voran, dahinter folgten die Klassen mit ihren Lehrpersonen, oft in schönen Trachten. Anschliessend kehrte jede Schule in einen zugeteilten Gasthof ein. Dort gab es ein Zvieri, und es wurde zum Tanz aufgespielt. Begegnung fand statt – aber innerhalb klarer Zugehörigkeiten.

Dann gingen die Schülerzahlen zurück. Nach und nach mussten die ersten Grabenschulhäuser schliessen. Jede Schliessung war ein Einschnitt, oft begleitet von emotionalen und schwierigen Informationsveranstaltungen. Mit dem Schulhaus verlor ein Graben nicht nur einen Unterrichtsort, sondern ein Stück Identität und gemeinschaftliches Leben. Es folgte auch die Schliessung von Läden, Poststellen etc. und das Leben verlagerte sich immer mehr nach Langnau. Die zunehmende Motorisierung, ein ausgebautes Strassennetz und die Tatsache, dass in fast jeder Familie ein Nebenerwerb ausserhalb des Grabens entstand, führte so zu einer stärkeren Annäherung zwischen Dorf und Gräben. Dennoch zeigte sich 2002, als die Oberstufen in den letzten drei Grabenschulhäusern aufgehoben wurden, wie tief die Unterschiede noch verankert waren. Besonders im ersten Jahr kam es zu Frust bei den Familien und zu Integrationsschwierigkeiten in Langnau, mag ich mich erinnern. Der «Graben» bestand weiterhin – wenn auch weniger ausgeprägt als früher.

Als Sekundarlehrer habe ich über Jahrzehnte hinweg in den Sommerferien alle neuen Schülerinnen und Schüler zuhause in ihren Gräben besucht. Ich wollte ihnen die Angst nehmen vor dem «weiten» Langnau und zugleich verstehen, aus welchem Umfeld sie kamen. Bis 2020 kamen auch alle Kinder aus Trub und Trubschachen nach Langnau in die Sekundarschule, bis 1995 sogar jene aus Schangnau. Ab der fünften Klasse bedeutete das für viele einen langen Schulweg – oft eine beachtliche Leistung.

Das grosse Sekundarschulhaus mit seinen 15 Klassen war für manche ein kleiner Kulturschock. Ein Elfjähriger aus Schangnau beschrieb es einmal treffend als «eckigen Klotz». In diesem Satz steckt viel vom Spannungsfeld zwischen der Geborgenheit des kleinen Grabenschulhauses und der Grösse des Dorfes. Dieses Spannungsfeld hat das Bildungsleben im Emmental über Jahrzehnte geprägt.

Herkunft des Wissens

Ich wohne seit 1976 in Langnau und war 39 Jahre (Klassen-)Lehrer an der Sekundar-schule. Die Schulkinder aus den Aussenbezirken und aus den Gräben der andern Gemeinden waren meist eine Bereicherung für eine Klasse. Vielen fiel die Umstellung aber nicht leicht.

In den Ferien bevor ich eine Klasse übernahm, besuchte ich jeweils meine zukünftigen Schülerinnen und Schüler. So konnte ich mir ein Bild machen über ihre Herkunft, und sie konnten schon mal ein bisschen Schwellenangst abbauen. Später führten unsere Bummel und Veloausflüge zu den Höfen der Auswärtigen, was stets bei den Dorfschülern Erstaunen auslöste. Auch Elterngespräche führte ich oft vor Ort, einmal sogar auf dem Napf.

Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv

Ich bin seit 2015 pensioniert. Damals in der Schule war es hilfreich, die Mentalität und die Lebensumstände der Eltern besser zu verstehen und dadurch auch das Denken und Verhalten ihrer Kinder.

Bilder

Früher hatte nur Langnau eine Sekundarschule, alle Kinder mussten hier in die Oberstufe kommen, Sekschulhaus um 1900, Sammlung RMC N-0964

Blick in die langgezogenen Gräben, Drohnenaufnahme Ilfis, 2026

Grabenschulhäuser, die um die 2000er alle geschlossen wurden (Schulhaus Aeugstmatt, Schulhaus Gmünden, Schulhaus Hühnerbach)

Schilder der Gräbenschulhäuser vom jährlichen Schulfest, Sammlung RMC U0251

Die Post in Gohl gibt es auch nicht mehr, Sammlung RMC U0407

Blick in die langgezogenen Gräben, Drohnenaufnahme Bäregg, 2026

U du, weisch no meh?

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