ES_0198
Verdingkinder im Emmental
Vorname/Name
Murielle
Jahrgang
1975
PLZ/Ort
3432 Lützelflüh
Kurzbeschrieb
«Willy hatte immer Hunger. Jeden Tag. Jahrein. Jahraus.» So beginnt die Geschichte meines 1916 geborenen Grossvaters, der als Verdingbub aufwuchs. Seine Familie lebte in grosser Armut. Schon als Kind sammelte Willy Fallobst, Kartoffeln und Holz, um zum Überleben beizutragen. Mit zehn Jahren kam er zu Bauernfamilien und musste vor der Schule im Stall arbeiten. Für die Sekundarschule fehlte das Geld. Heute kann ich meinen Grossvater nicht mehr fragen. Umso wertvoller ist es, dass seine Geschichte aufgeschrieben wurde.
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Text
Mein Grossätti war ein Verdingbueb. Er hat nicht viel darüber geredet. Heute würde ich ihn vieles fragen – als er lebte, war er einfach mein Grossätti. Zum Glück hat jemand seine Geschichte aufgeschrieben, ich konnte sie nachlesen. Das Buch starten so: Willy hatte immer Hunger. Jeden Tag. Jahrein. Jahraus. Dieser Satz hat mich sehr berührt. Vor hundert Jahren herrschte hier im Emmental zum Teil Hunger und Armut und eine grosse Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Früh schon musste der 1916 geborene Willy mithelfen. Er und seine Brüder halfen im Garten und sammelten mit einem Handkarren an den Markttagen den Pferdemist von der Landstrasse zwischen Oberburg und Burgdorf ein. Wenn in Burgdorf Märit war, wurde die Strasse besonders oft von Pferdefuhrwerken befahrenen. Den Pferdemist verkauften sie dann an die Giesserei in Oberburg, die aus Sand und Pferdemist Gussformen anfertigte. Im Sommer und Herbst sammelten die Kinder Beeren, Pilze und Ähren. Da die Familie sich weder Äpfel noch Kartoffeln zum Einkellern leisten konnten, suchten sie auf den abgeernteten Äckern Kartoffeln. Von den Strassenrändern sammelten Willy und seine Geschwister das angefaulte und wurmstichige Fallobst. Fleisch war für die Familie fast unerschwinglich und das Brot wurde für eine Woche eingekauft, weil es seine Frische verlor und somit für längere Zeit reichte. Zum Frühstück erhielten sie immer nur ein kleines Stück Brot, das musste bis zum Mittag reichen. Eine Schnitte frisches Brot mit «Confi und Anke» war eine seltene Delikatesse. Mein Urgrossvater war ein Schreinerangestellte. Eine Zweizimmerwohnung für 13 Personen musste reichen, allerdings waren selten alle zu Hause, die grösseren Buben mussten bei Bauern arbeiten. Einen Wasseranschluss gab es nicht, die älteren Kinder mussten das Wasser aus dem Sodbrunnen pumpen und in die Wohnung hinauftragen. In den Wäldern haben sie Tannzapfen und Holz gesammelt.
Wie in ärmeren Familien üblich, kam der 10-jährige Willy nach der fünften Klasse als Verdingbub zu Bauernfamilien. Zuerst ein Jahr auf einem Betrieb am Dorfrand von Rüegsau, dann ein Jahr auf einem Bauernhof in Rüegsbach. Im Sommer musste er jeweils um 5.00 Uhr aufstehen, um im Stall mit Misten und Melken zu helfen und die Milch mit einem Pferdekarren in die Käserei bringen – und das alles vor der Schule.
Insgesamt war mein Grossvater mehr als 4 Jahre verdingt, da mein Urgrossvater die Kinderschar nach einem Unfall nicht mehr ernähren konnte, obwohl es die SUVA schon damals gab. Meine Urgrossmutter musste nun auch arbeiten bei wohlhabenden Familien, um dazu zu verdienen. Die letzten 2 Jahre verbrachte mein Grossvater auf dem gleichen Bauernhof, wie schon meine Urgrossmutter – auch sie wurde verdingt.
Mein Grossvater konnte die Sekundarschule nicht besuchen, obwohl er das Zeug dazu gehabt hätte, das Schulgeld war zu teuer. Er konnte auch nicht seinen Traumberuf Elektriker lernen, weil es während der Wirtschafskrise nicht viele Stellen gab. Nach Laufbubenarbeit fand er eine Lehrstelle im Wasen als Maler, die er später in Burgdorf beendete.
Herkunft des Wissens
Familiengeschichte.
Nutzen des Wissens
aktiv / inaktiv
Ja.





